Leben wagen im Auslandsjahr

Peter Ney

Leben zu wagen bedeutet für mich, mal etwas Neues zu machen, aus seiner Komfortzone zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln. Es bedeutet, fremde Orte, Kulturen zu erkunden, dort mit Menschen mit anderen Einstellungen zu reden und die neuen Eindrücke kritisch zu hinterfragen. Wie auch immer du das Motto „Leben wagen“ interpretierst, durch ein Auslandsjahr wagt man auf jeden Fall etwas Neues, etwas Leben.

Ich bin letztes Jahr während der 12. Klasse nach Kanada geflogen, um dort für diese Zeit in die Highschool zu gehen. Um genau zu sein, war ich auf Saltspring Island, eine kleine Insel zwischen Vancouver und Vancouver Island. Ein sehr süßes Fleckchen Erde, das im Winter um die 10.000 und während der Sommerzeit doppelt so viele Einwohner durch Touristen hat. Neben einer wunderschönen Landschaft und kleinen lokalen Geschäften gibt es besonders viele Hippies und Reiche auf der Insel, was mich direkt zum ersten Punkt bringt, über den ich berichten möchte:

Die Kultur und Gesellschaft. Zuerst möchte ich kurz klarstellen, dass man die Eindrücke, die ich auf Saltspring Island gewonnen habe, nicht auf ganz Kanada beziehen kann. Diese Insel hatte wirklich ihren ganz eigenen Vibe. Das Klischee gegenüber Kanadiern, dass sie sehr offen und gastfreundlich sind, kann ich zu 100% bestätigen. Es war wirklich beeindruckend, wie herzlich die Leute dort waren. Nicht nur während des Schullebens haben einen wirklich viele Mitschüler gegrüßt und gefragt „Hey, how are you?“, sondern auch in der Öffentlichkeit hat man einfach mal so mit fremden Leuten eine sehr nette Unterhaltung geführt, wenn man mit dem Bus oder der Fähre gefahren ist.

Besonders habe ich dies während meiner ersten Schultage auf der Highschool festgestellt. Ich war, bis auf ein paar andere Austauschschüler, die ich während meiner Anreise nach Kanada kennengelernt habe, komplett auf mich allein gestellt und wollte mich dort integrieren. Obwohl mein Englisch zu dieser Zeit noch dem eines pickeligen Teenagers geglichen hat, hat es sich am Ende gar nicht so schwer herausgestellt, wie ich es vorher in meinen Gedanken befürchtet habe. Tatsächlich hat es mich nicht sehr überrascht, wie einfach es war, mit Leuten dort zu quatschen und dass auch andere Leute trotz meines schlechten Englisch‘s auf mich zugegangen sind.

Auch wenn sich das auf den ersten Blick richtig positiv anhört und es mir am Anfang dadurch auch sehr leicht fiel, mich in einen kanadischen Freundeskreis zu integrieren, gibt es auch etwas Negatives an dieser Art:
Da man sich mit so vielen connected, mit Leuten Small Talk führt und diese regelmäßig begrüßt, bezeichnet man Bekannte schneller als Freunde, was zur Folge hat, dass diese Freundschaften nicht so tief und eng waren wie bei mir in Deutschland. Keine Frage, es ist ziemlich viel erwartet, dass man in einem Jahr genauso tiefgründige Freundschaften aufbauen möchte, wie man es in seinem halben Leben in seiner Heimat gemacht hat. Trotzdem konnte ich mit bestimmten Personen, vorwiegend anderen internationalen Studenten, gute Freundschaften aufbauen. Ja, ich bin mir bewusst, dass ich genau mit dieser Aussage das Vorurteil eines

Austauschjahr bestätige, dass man sich nur mit Austauschschülern umgibt. Doch ich kann versprechen, dass ich besonders während des ersten Halbjahres versucht habe, mich in den schon bereits erwähnten kanadischen Freundeskreis zu integrieren. Freundschaften, die mich auf lange Sicht nicht wirklich erfüllt haben. Deswegen bin ich über das zweite Halbjahr umso glücklicher, da ich eher gute Freundschaften zu einzelnen Personen aufgebaut habe. Außerdem hatte ich auch das Gefühl, dass andere Personen nicht besonders eng zueinander standen oder einen engen Freundeskreis hatten. Der Vorteil ist natürlich, dass jeder individuell und ungebunden ist.

Neben Familien mit Kindern und im Sommer natürlich Touristen, gab es auf Saltspring Island, wie zu Beginn schon erwähnt, besonders zwei Personengruppen: Hippies und alte, reiche Leute. Mit ersterer Personengruppe hatte ich leider nicht ganz so viel zu tun, bis auf ein paar Begegnungen, die sehr interessant und besonders spirituell waren. Mit Letzterer hatte ich genauso viel zu tun, wie mit meinen Freunden in der Schule, da ich in einem Chor gesungen und auch in einem Orchester gespielt habe . Auch wenn das Durchschnittsalter dort bei ungefähr 60 liegt, habe ich dort echt sehr gute Freundschaften geschlossen und schlichtweg einfach gelernt, wie ich mit älteren Leuten umgehe. Dabei hatte ich oft wirklich sehr interessante und informative Unterhaltungen, bei denen ich besonders genossen habe, was für eine liberale Einstellung alle hatten. Auch kamen im Chor und Orchester Leute aus allen Gesellschaftsschichten zusammen, um einfach miteinander zu musizieren. Dort konnte ich nochmals die Aufgeschlossenheit in der kanadischen Kultur erkennen, gemeinschaftlich und tolerant. Es war immer wieder aufs Neue beeindruckend. Nicht nur haben wir uns alle regelmäßig im Chor während den Aufwärmübungen zum Affen gemacht und uns wie Kleinkinder verhalten, sondern es gab besonders viele queere alte Leute. Das liegt daran, dass Saltspring in diesem Bereich schon sehr lange als aufgeklärt gilt, weswegen sich viele queere Personen auf der Insel niedergelassen haben, da im Rest Kanadas nicht diese Akzeptanz herrschte. Das habe ich an Saltspring Island besonders geliebt.

Ein Auslandsjahr zu machen hört sich erstmal sehr schön an, besonders wenn man sich im Internet Bilder von so einer Erfahrung anguckt. Doch ein Traumurlaub ist dies keineswegs. Genauso wie es in einem Auslandsjahr wunderbare Höhen gibt, muss man auch Tiefen bewältigen. Es ist wirklich ein emotionaler Rollercoaster. Da ich recht oft die Gastfamilie wechseln musste, hatte ich keinen stabilen Rückhalt, wie ich es hier in Deutschland habe. Auch hatte ich Sehnsucht nach einigen Menschen, so fühlte ich mich nie richtig geborgen, was mich in so manchen Nächten echt psychisch belastet hat.

Ob ich nochmal ein Auslandsjahr gemacht hätte?
Ja, aber nicht nochmal auf Saltspring Island. Das liegt nicht daran, dass die Gegend, die Schule und Leute nicht gut sind, sondern für mich wäre es vielleicht besser gewesen, eine Schule in der Stadt zu besuchen, auf der nicht so viele internationale Schüler sind. Das hätte besser zu meinem eher extrovertierten Charakter gepasst und das Landleben kenne ich ja von zu Hause schon genug. Auch wenn es neben vielen positiven Erfahrungen einige Gegenteilige gibt, bereue ich meine Entscheidung, ein Auslandsjahr zu machen, keineswegs. Mal ein anderes Schulsystem zu erleben, welches nicht nur die akademische Weiterbildung betont, sondern

auch Wert auf künstlerische und musikalische Kreativität, sowie Sport und Handwerk legt, war sehr bereichernd. Ich bin einfach unendlich dankbar für das, was mich in diesem Jahr geprägt hat, welches mich für mein ganzes Leben begleiten wird.

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